Eine weitere Obsession nach Freiheit

Es kommt mir fast so vor als wäre es erst gestern gewesen, als ich mit meinen damaligen Weggefährten an der Nordsee in der idyllischen Leere des Wattenmeer war. In St. Peter Ording und auf Insel Sylt strebte ich einst, vor nun knapp 7 Jahren, nach freiem kreativen Schaffen für meinen ersten veröffentlichten Bildband OBSESSION FOR FREEDOM. Die Herkunft dieser zwanghaften „Besessenheit nach Freiheit“ lies sich zu der Zeit klar definieren. So war es damals die Werbeindustrie, bei welcher ich mich in oberflächlichen und seelenlosen Produktionen verfangen hatte. Für den schnellen Taler hatte ich mich nur zu gerne prostituiert.

Die Situation in der ich mich damals befand, der Umstand einer Art fehlenden Freiheit in meinem Leben, war jedoch absolut selbstbestimmt – ich selbst hatte es in der Hand – und mit dieser Erkenntnis entschied ich mich damals, aus der Gefangenschaft auszubrechen, um einen neuen, selbstbestimmten Weg zu beschreiten. Ja, so war das damals…

… heute jedoch, heute da bestimmt mich ein völlig anderer und vor allem, für meine in West-Deutschland aufgewachsene Generation, ein noch nie dagewesener Ruf nach Freiheit. Ein Verlangen, welches nicht einfach durch selbstbestimmtes Handeln gestillt werden kann. Dieses Mal, da sind es höhere Kräfte die mich in meiner Freiheit… wie soll ich es sagen, nennen wir es zum besseren Verständnis „berauben“. Die weitere Entwicklung dabei noch völlig ungewiss. Die Dauer der, wenn auch nur in kleinen Schritten eingeführten Isolation, noch unabsehbar. Es ist vermutlich nachvollziehbar, dass man sich in einer solchen Situation auch Gedanken über die unmittelbare Zukunft macht, oder besser gesagt, wer von uns macht sich noch keine Gedanken?

Wo sind wir in zwei Wochen, einem Monat, wo stehen wir nächstes Jahr? Wird alles wieder so wie es mal war, wird es besser, schlechter, oder leben wir dann in einer völlig veränderten, neuen Welt? Falls ja, was bedeutet das für mich, für einen Fotografen, einen Reisenden? Was bedeutet es für jemanden dessen höchste Gut die Freiheit ist, das zu tun was man will, wann man will und vor allem – wo man will…

Das vermeintlich wichtigste Tool meiner Fortbewegung, das Flugzeug, scheint mir dieser Tage leider kein verlässlicher Partner zu sein. Auf der Suche nach ein klein wenig Sicherheit, warf ich ein flüchtigen Blick auf den Flughafen München, welcher mir auf unaussprechliche Weise zeigte, wie groß das Ausmaß meiner Einschränkung ist. Dort wo die Wege und Straßen nahezu ganztags von Stress und Hektik geprägt sind, wo die Menschen im Laufschritt von einem Gate zum nächsten hetzen, ein Ort, an welchem man fast rund um die Uhr so gut wie alles kaufen kann was man braucht, oder auch nicht… an genau diesem Ort, da findet sich auf einmal eine ähnliche Ruhe ein, wie ich sie einst im Wattenmeer an der Nordsee gefunden hatte. Keine Geräusche von Autos, Menschen oder Maschinen, nur absolute Stille. In einem kleinen Moment, da dachte ich sogar einen Vogel gehört zu haben – faszinierend – jener Ort, welcher mir einzig und allein als ein Ort meiner persönlichen Bewegungsfreiheit in Erinnerung war, scheint sich nun als ein Ort der Inspiration abzuzeichnen…

… und noch bevor ich meine Heimfahrt antrat, überkam mich das Verlangen, diese Ruhe & Stille in Wort und Bild zu fassen. Mein neuauflebendes „Streben nach Freiheit“ zu akzeptieren und ihm nun, wenn auch so hoffe ich, nur für eine gewisse Zeit, einen Platz in meinem Alltag einzuräumen. Für die nächsten Tage und Wochen muss ich versuchen, diese „neue“ Ruhe & Stille, die Inspiration oder auch einfach nur das kreative Schaffen von irgendetwas, in meinem neuen Alltag zu integrieren… und selbst wenn es sich am Ende nicht in bare Münze verwandeln lässt, so habe ich in der Zwischenzeit zumindest meine persönliche Beschäftigungstherapie.

Ganz egal was nun die Zukunft für uns alle bereit hält, dürfte das einzig Entscheidende dabei sein, dass wir uns am Ende beschäftigen können. Völlig unabhängig dabei, ob mit uns selbst, mit einer Tätigkeit, anderen Menschen, neuen Aufgaben oder einfach nur mit neuen Perspektiven. Die Hauptsache dabei: kein Stillstand und am Horizont stets die Freiheit im Fokus all unserer Bemühungen…. oder ist das vielleicht einfach nur das Verlangen eines in seiner Isolation gefangenen, vereinsamten Fotografen?

#everythingwillbefine